ICH LEBE!
So, das wichtigste währe damit gesagt.
Hallo liebe Familie, Freunde, Bekannte,
Jony,
Bis heute hatte ich keine Möglichkeit
an Internet ranzukommen und das nächste Mal wird bestimmt wieder
mindestens 2 Wochen dauern.
Ich bin direkt am Atlantischen Strand,
circa 2 Kilometer nördlich von der Flussmündung vom Pacuare Fluss.
Ich meine Koordinaten sind 10° 14' 9'' N 83° 17' 26'' W. Ich denke
wenn man diese Werte in Google Maps schmeißt, sollte meine Position
dabei herauskommen. Mehr als grünen Dschungel sollte man wohl nicht
auf den Fotos sehen. Entlang der Atlantikküste wurde vor einigen
Jahren ein Kanal gebuddelt und die Küste ist locker besiedelt. Ich
lebe wie die meisten hier auf dem schmalen Streifen zwischen Strand
und Kanal. Hinter dem Kanal ist wirklich teils unerschlossener
Dschungel und soweit ich weiß gibt es dort keine Häuser mehr.
Es gibt mehr zu erzählen, als ich in
diesen einen Eintrag hineinpressen kann. Auf meinen Wanderungen habe
ich immer wieder Zwiesprache geführt, was ich in meinen Blog
schreiben möchte.
Ich kann ja einfach mal von vorne
anfangen und mich dann durch meine Erlebnisse schlängeln.
Der Bus fuhr in den wärmeren Teil von
Costa Rica. Bataan ist eine kleine Stadt, soweit ich sehen kann,
konzentriert sich hier alles um eine einzige Straße mit kleinen
Geschäften und einer Kaufhalle, die hier MegaSuper heißt. Die
Bushaltestelle ist nur für Eingeweihte zu erkennen, denn es gibt
kein Haltestellenschild, oder einen Hinweis auf den Bus. Man muss ein
wenig Glück haben Bataan zu erwischen, wenn man hierher kommen
möchte. San José hatte den ganzen Tag über eine angenehme
Temperatur. Ganz anders als Bataan und der Rest der Küste. Nach dem
Aussteigen wurde ich von einer Hitzewelle gepackt. Obwohl es an dem
Tag bewölkt war, habe ich heftigst geschwitzt. Den anderen
Neuankömmlingen ging es ähnlich. Erstaunlicherweise habe ich hier
keinen einzigen Local (Einheimischen) schwitzen sehen.
Von hier aus wurden wir, eine kleine
Gruppe von Voluntären, ein Britte, eine Kanadierin, zwei
Amerikanerinnen, 4 deutsche Mädchen und ich, von einem Taxi mitten
in den Dschungel gefahren, vorbei an riesigen Bananenplantagen. Am
Fluss wurden wir von Erik, dem Stationsleiter, empfangen. Wir
bestiegen ein übermotorisiertes Boot und fuhren durch langsam
fließendes grünes Wasser, mitten durch riesige Palmenwälder, wie
man es sonst nur aus Dokumentationen kennt. Der Fluss ist so wenig
befahren, dass wir mehrmals in dem grünen, schwimmenden Teppich aus
Wasserpflanzen stecken blieben, die den Fluss überwuchern. In den
Bäumen saßen exotische Vögel und übers Wasser liefen auf den
Hinterbeinen kleine Eidechsen. In etwa so wie Jesus es wohl gemacht
hatte. Nur ein wenig schneller.
In dem Palmenwald schrien Affen und
einer ließ sich dann auch blicken, als wir direkt unter ihm hindurch
fuhren. Die meiste Zeit heizten wir mit atemberaubendem Tempo durch
den Fluss, um nicht in den Pflanzen stecken zu bleiben.
Wahrscheinlich haben wir dadurch alle Tiere verscheucht.
Normalerweise sollte es auch Krokodile und Wasserschildkröten geben.
Gesehen habe ich bisher aber keine.
Nach 40 Minuten Bootfahrt kamen wir im
Camp an. Das Camp besteht aus einem kurzen Steg, ein paar kleinen
Hütten, einer großen überdachten Veranda, genannt „El Rancho“
einem Stacheldrahtzaun zum Ufer hin und einem Volleyballfeld. El
Rancho ist der Treffpunkt. Hier stehen 4 große Tische und Bänke und
immer wenn man nicht schläft, oder arbeiten muss, dann ist man
meistens hier. Jede Hütte hat 3 oder 4 Doppelstockbetten, jedes
einzelne mit einem Moskitonetz überspannt. Die Einrichtung
geschränkt sich auf die Betten und abschließbare Spinde.
Die Zahl der Bewohner schwankt ständig.
Jeden Montag, oder Donnerstag gibt’s Voluntäre die abreisen, oder
neu ankommen. Die Zahl schwankt zwischen 2 am letzten Wochenende und
50 zwischendurch. Es gibt neben den Leuten, die länger hier bleiben,
auch Touren für Schulklassen, die nur für einen Tag hier sind und
bei dem Projekt helfen.
Die Chefs hier sind Erik, der
Stationsleiter, die Wissenschaftlerin Jolander, meine eigentliche
Chefin, Daniela, eine Deutsche, die seit 5 Jahren in dem Projekt
arbeitet und mittlerweile für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig
ist und die drei Research Assistants Rachel, Amy und ich.
Der Hauptteil der Arbeit besteht aus
nächtlichen Patrouillen am Strand und der Arbeit in den zwei
Hatcherys. Der Strand ist in drei große Sektoren unterteilt und eine
Gruppe patrouilliert immer für 4 Stunden zwischen 8 Uhr Abends und 4
Uhr Morgens an einem der Sektoren. Wenn ich die Schicht von 12 bis 4
Uhr habe, dann habe ich sogar deutsche Arbeitszeiten. Dann ist es bei
euch zwischen 8 und 12 Uhr Mittags. Die Arbeit am Strand um diese
Zeit ist allerdings eine Herausforderung. Der Himmel ist dunkel, der
Strand ist schwarz und wir selbst sind dunkel gekleidet, um die
Schildkröten nicht zu erschrecken. Wir dürfen kein weißes Licht
benutzen und nur in Ausnahmen für kurze Zeit rotes Licht benutzen.
Die Schildkröten reagieren nicht auf rotes Licht, aber die Wilderer
tun es. Die meisten Menschen an der Küste sind Aussteiger aus der
Gesellschaft und haben sich dort halb illegal ein neues Leben
aufgebaut. Auch das Widecast Projekt dürfte offiziell dort nicht
existieren. Die ersten 100 Meter vom Land sind immer öffentlich,
außer jemand bekommt eine Sondergenehmigung. Offiziell wohnt aber
niemand hier und sie wurden bei der letzten Volkszählung einfach
umgangen. Einige Menschen hier am Strand führen ein recht
verwahrlostes Leben und jagen die Schildkröten um sie zu verkaufen.
Tatsächlich lebten hier anfangs alle Leute von der Schildkrötenjagd.
Einer unserer Stationsarbeiter, Ronald, ist eigentlich Tierarzt, lebt
aber schon seit 40 Jahren an diesem Strand. Früher jagte auch er die
Schildkröten. Allerdings wurden die Tiere gejagt um sie danach auch
zu essen. Eine Schildkröte ernährte damals eine Familie für einen
Monat. Heute werden sie allerdings gejagt, damit sich einige Menschen
ihre Drogensucht leisten können. Das Leben am Strand kostet nicht
viel. Das einzige was man bezahlen muss, sind die Lebensmittel. Strom
gibt es meist nicht und Wasser wird aus Brunnen geschöpft. Die
meisten arbeiten auf nahegelegenen Bananenplantagen. Neun Locals
werden direkt von Widecast bezahlt. Sie bekommen 8 Dollar für eine
Nachtpatrouillie, oder 5 Dollar am Tag für Arbeiten wie kochen, oder
das Camp in Schuss halten.
Das Geld kommt von den Voluntären, die
dafür mehr für ihre Unterkunft zahlen müssen.
Zur Zeit bekommt man 160 Dollar für
eine Schildkröte und 50 Cent pro Ei. Die Eier werden als
Potenzmittel verkauft und die Schildkröte wird für ihr Fleisch und
ihren Panzer gejagt. Aus dem Panzer wird meist Schmuck hergestellt.
Die Jagt und der Verkauf ist zwar streng verboten, aber es gibt kaum
jemanden, der das kontrolliert. Die Coast Guards (Küstenwache) sind
leider zu selten in der Gegend. In meinen 2 Wochen habe ich an nur 2
Tagen die Coast Guards gesehen. Sie laufen mit schwerer Bewaffnung
und auffälliger Kleidung über den Strand und helfen uns dann beim
retten der Schildkröten. Bisher sieht es aber so aus, als ob jede
zweite Schildkröte getötet, oder verstümmelt wird. An den Strand
kommen 3 verschiedene Schildkröten. Die riesige Lederschildkröte,
sie kann wohl bis 3 Meter groß werden, die Grüne Schildkröte und
die Hakenschnabel Schildkröte. Sie ist die kleinste und schönste
Schildkröte hier. Allerdings auch die wertvollste. Daher ist sie
sehr selten geworden. Ich hatte aber das Glück gleich in meiner
zweiten Nacht eine zu sehen.
Die Lederschildkröte ist so groß,
dass sie praktisch nicht gejagt werden kann. Daher wird ihr der
letzte Teil ihres sehr weichen Panzers abgeschnitten und auch als
Potenzmittel verwendet.
Die Grüne Schildkröte wird um die 200
Kilo schwer und ist schlecht zu transportieren. Daher drehen die
Wilderer die Schildkröte auf den Rücken, wenn sie eine finden und
befestigen Seile an ihren Vorderflossen. Danach wird die Schildkröte
wieder zurückgedreht und die Schildkröte versucht im Wasser zu
entkommen. Die Wilderer warten bis sie ein wenig tiefer im Wasser ist
und schleppen sie dann an den Seilen den Strand entlang. Man kann es
leider recht häufig beobachten, wie die Schildkröten auf diese
Weise sterben müssen. Denn wenn die Wilderer an ihrem Haus ankommen, werden die Schildkröten mit Knüppeln erschlagen. Kein schöner Anblick.
Zwischen uns und den Wilderern gibt es aber einen fairen Wettstreit. Wer die Schildkröte zuerst entdeckt, darf sie behalten. Deshalb wollen wir unsere Position nicht allzu oft verraten, weshalb wir sehr sparsam mit dem Licht umgehen.
Das meiste könnte ich jetzt zu den nächtlichen Patrouillen schreiben. Das ist definitiv eine einschneidene Erfahrung im dunkeln, fast ohne Sicht und manchmal mit den heftigsten Gewittern zu laufen. Ich fühle mich manchmal an den Film Forrest Gump erinnert, als er über seine Zeit in Vietnam erzählt. Der Regen kommt hier auch von oben, von der Seite und von unten. Wenn die Blitze nah an der Küste sind, sind sie so hell, dass man manchmal Minuten lang blind ist. Dann muss man nach Gefühl laufen und sich an den Laufgeräuschen der anderen orientieren. Darüber hinaus wird sehr viel Holz an der Küste angespült, worüber man leicht stolpern kann. Häufig muss man anhand von winzigen Helligkeitsabstufungen entscheiden, ob es ein Hindernis ist, oder nicht. Zu allem Überfluss muss man noch auf die Schildkrötenspuren achten. Sie zeichnen sich im Sand etwas dunkler ab, wenn der Sand umgewühlt wird und der feuchtere Sand nach oben kommt. Manchmal spürt man auch die Spur wenn man drüber lauft.
Manchmal scheint aber auch der Mond, so wie vor 2 Wochen, als Vollmond war. Da war es so hell, dass man sogar einen Schatten geworfen hat. Am 17. ist Vollmond und daher ist die Sicht schon jetzt eigentlich null.
In den letzten 2 Tagen gab es sehr heftige Gewitter. Vorgestern war es so stark, dass 2 Schildkröten den Weg nicht mehr zurück gefunden haben und in den Dschungel gelaufen sind. Ich lade gerade die Fotos dazu zur Dropbox hoch. ich sitze seit diesem Absatz in einem Internetcafe mit Wlan und lade hoch was das Zeug hält (und es hält nicht besonders viel, mit anderen Worten es ist sehr langsam).
Eine andere Sache ist die ewige Feuchtigkeit hier. Es gibt kein Kleidungsstück, kein Bett, kein Handtuch, was trocken ist. Vom Ozean steigt so viel Feuchtigkeit auf, dass selbst bei vollem Sonnenschein nichts trocknet. Der Rest wird durch den Regen feucht, oder bleibt feucht. Ich habe nach 4 Tagen dauertrocknen aufgegeben meine Sachen trocken zu kriegen. Das Beste ist es die Sachen in den glühenden Sand zu legen und sie so zu trocknen. Wenn mal die Sonne scheint. Mein Handtuch riecht schon sehr stark nach Schimmel und ich kann es nicht mehr benutzen. ich trockne jetzt immer auf natürliche Art und Weise ;-) Dafür ist es warm genug. Es ist eine Erfahrung, aber ich würde nicht sagen, dass es schlecht ist. Es ist am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig, aber irgendwann ist es einfach egal, wenn man in ein feuchtes Bett steigt. Das ist ein sehr einfaches Leben hier und manche Sachen muss man einfach hinnehmen wie sie sind.
Ich staune auch, dass die Elektronik hier so gut durchhält. Ich hatte schon Wasserdampf in meinem Handy, aber es funktioniert klaglos. Die Kamera zeigt manchmal ein milchiges Bild, aber nach ein wenig Sonne geht es ihr wieder gut. Alle meine Geräte laufen hier übrigens mit Solarstrom!
Der wird aber streng reguliert, denn die Speicherbatterien fassen nicht besonders viel. Sie sind schon nach etwa einer Stunde Sonnenschein voll geladen und müssen für sämtliche Arbeitsgeräte wie Funkgeräte, Scanner, Laptops und für eine Deckenlampe in "El Rancho" halten. Mein Handy und meine Kamera kann ich dort laden. Aber meinen Laptop nicht. Die Voluntäre dürfen den Strom überhaupt nicht nutzen. Daher hatte irgend jemand mal ein circa A4 großes Solarpanel spendiert, was den ganzen Tag draußen liegt und iPods und iPhones lädt.
So, jetzt habe ich eine ganze Menge Mist geschrieben, aber ich musste die Zeit hier schnell schreiben, denn der Bus kommt gleich und spuckt neue Voluntäre aus. Ich habe einfach runtergeschrieben was mir eingefallen ist, ohne nachzudenken und nach Fehlern zu suchen.
Ich Grüße daher alle, besonders die Mutter und wir hören uns bestimmt bald wieder, dann mit Informationen, wie es bei mir weitergeht.
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